12 Monate Mama – Brief an mich selbst

Es ist völlig ausgeschlossen, dass bereits ein ganzes Jahr vergangen sein soll! Es kann gar nicht sein, dass die Mini-Mainzerin heute, am 1. April, bereits ihren ersten Geburtstag feiert! Aber es scheint wahr zu sein. Ab heute kann ich in Jahren ausdrücken, wie alt mein Kind ist…

Es war das unglaublichste Jahr meines Lebens, denn jeder Tag war ein Abenteuer. Nicht jeder Tag fühlte sich so an, doch wir erlebten jeden einzelnen Tag zum ersten Mal zu dritt mit unserem Kind. Ab jetzt war jeder Tag schon mal da. Das erste Jahr war somit etwas ganz Besonderes. Und weil ich kaum wüsste, wie ich den Artikel über das erste Jahr zusammenfassen sollte, gibt es einen Brief an mich selbst. An mein Ich, kurz nach der Geburt.

Liebe Nina,

es ist der 1.4.2014, 23 Uhr. Seit fast genau 8 Stunden bist Du jetzt Mutter. Irgendwie warst Du das natürlich schon vorher, doch nun ist dieses unbekannte Wesen, das so viele Monate in Deinem Bauch herangewachsen ist, auf dieser Welt. Du hast eine Geburt hinter Dich gebracht. Etwas, vor dem Du eigentlich nie wirklich Angst, aber natürlich Respekt hattest. Wie sehnsüchtig hast Du die letzten Wochen gewartet, aus Spannung, aus Neugier, aus Ungeduld und ganz einfach, weil es Dir nicht mehr besonders ging.

Nun ist sie da, Deine Tochter. Doch ganz anders als erwartet, liegt sie nicht in Deinen Armen. Und auch nicht in einem Bettchen neben Dir. Sie wurde gerade abgeholt und in eine andere Klinik verlegt. Sie lag nur kurz bei Dir, immerhin lange genug, um in Ruhe einen Namen zu beschließen. Lange genug, um sie zu bewundern und fassungslos darüber zu sein, dass sie kurz zuvor noch in Deinem, in unserem, Bauch gewesen sein soll.

Du stehst gerade völlig neben Dir. Doch genau an diesem Punkt möchte ich Dir sagen, wie unglaublich die Zeit sein wird, die Du bald erleben wirst. Denn Du musst Dir keine Sorgen machen. Schon in einer guten Woche werdet ihr alle gesund zu Hause sein. Du hast Dir immer vorgestellt, wie ihr die Kleine das erste Mal nach Hause bringt. Dieses Gefühl, wenn man mit einem kleinen Wesen die Wohnung betritt, die man zuvor immer nur zu zweit bewohnt hat. Und plötzlich ist da noch jemand. Jemand, der auch nicht mehr weggeht. Du hast Dir diesen Moment vorgestellt, wenn man das Kind zum ersten Mal zu Hause auf das Sofa/Bett oder wo auch immer hinlegt und denkt: und jetzt?! Und genau so ist es gekommen. Nach so viel Aufregung bist Du plötzlich in den eigenen vier Wänden und da liegt dieses schlafende Bündel. Und jetzt? Ich verrate es Dir: Du wirst einfach da sitzen und sie anstarren! Und die Minuten werden verrinnen. Einfach so. Denn sie haben keine Relevanz mehr. Es gibt nichts sonst zu tun. Da seid nur ihr drei und ihr könnt einfach da sitzen und miteinander ankommen…

Die ersten Wochen kommst Du Dir vielleicht in Deiner Rolle fremd vor. So, als würde jemand anderes Dein Leben leben. Oder als stündest Du einfach nur daneben. Doch betrachte ich Dich heute, warst Du vom ersten Moment an voll da! Du hast die Kleine eingepackt und warst mit ihr ganz viel draußen. Du hattest sie im Tragetuch und bekamst ständig entzückte Bemerkungen. Das wird Dich sehr stolz machen. Du wirst viel am Rhein spazieren gehen, was Dich irgendwann sogar nervt. Aber gleichzeitig sind es diese ruhigen und schönen Momente, mit einem sanft atmenden Kind im Tragetuch, die Dir in Erinnerung bleiben werden. Kürzlich habe ich einen wunderschönen Artikel gelesen, der mich sehr an diese erste Zeit erinnert. Seitdem denke ich häufig daran zurück und genieße die Erinnerung. Vielleicht genieße ich sie sogar heute mehr, als Du im entsprechenden Moment. Aber das ist gar nicht schlimm.

Auch wenn momentan noch alles dunkel und durcheinander erscheint, so möchte ich Dir sagen, dass Du Dich auf ein ganz wunderbares Kind freuen kannst. Diese vielen Horrorgeschichten musst Du Dir nicht zu Herzen nehmen. Aber das hast Du eigentlich auch nie. Denn Du wirst eine ganz wunderbare Tochter haben, die es Dir sehr einfach macht. Natürlich hat auch sie ihre Phasen, die Dich mitunter an Deine Grenzen bringen. Doch insgesamt wird sie Dir das Leben einfach machen. Du wirst gerade im ersten halben Jahr mehr Zeit für Dich haben, als Du es jemals geahnt hättest oder Dir prophezeit wurde. Du wirst jeden Tag geduscht haben…auch vor 12 Uhr…sofern Du das möchtest.

Nach der ersten Zeit werden immer häufiger diese Gedanken präsent, ob sich Deine Tochter auch zeitgerecht entwickelt. Dreht sie sich? Robbt sie? Krabbelt sie? Du machst Dir mehr Gedanken als nötig. Alles ist wunderbar. Vergleiche nicht und lese auch nicht groß nach. Lass sie einfach machen, wie sie mag und alles wird sich automatisch ergeben. Du wolltest doch immer so locker sein. Dann sei es auch!

Da sind wir auch gleich bei einem Thema: mach Dich locker was Deine Vorstellungen angeht. Du wirst alles anders machen, als Du dachtest! Und das ist ok so. Manche Dinge kann man eben erst einschätzen, wenn man mittendrin steckt. Ein Kind gehört dazu! Es ist ok 8 Monate zu stillen, obwohl Du das nie wolltest. Es ist ok, dass Deine Tochter 10 Monate in eurem Zimmer schläft, obwohl Du immer dachtest, dass sie ab dem ersten Tag im eigenen Zimmer bleibt. Es gibt für alles den richtigen Zeitpunkt. Und wenn Du ein bißchen sensibel bist, dann wirst Du ihn auch erkennen. Und dann wird sich auch alles von ganz alleine ergeben.

Du wirst auch nach der ersten Zeit in größeren Abständen immer mal ein Tief haben. Das hängt vor allem an der Gebundenheit. Du bist gerne mal alleine. So ganz für Dich. Du brauchst es, einfach mal alleine den Kopf frei zu bekommen. Diese Freiheit wird wieder kommen. Auch wenn es in manchen Momenten unerreichbar erscheint. Mach Deine Tochter dafür nicht verantwortlich, sondern arbeite an Deiner Einstellung. Den Kampf um Freiraum, wo keiner ist, wirst Du verlieren. Und das wird Dich frusten. Deine Tochter schläft nicht auf Knopfdruck ein, nur weil Du gerade Zeit für Dich brauchst…egal wie sehr Dich das verzweifeln lässt. Du wirst Tränen an ihrem Bettchen verdrücken, weil sie einfach nicht einschlafen will, obwohl sie totmüde ist. Genauso wie Du. Doch Deine Anspannung wird sie spüren. Versuche ruhig zu bleiben, dann wird auch sie ruhig.

Liebe Nina, neben all den Dingen, die ganz unerwartet auf Dich zukommen, wirst Du auch ganz viel richtig machen. So, wie Du es Dir vorgenommen hast. Auch wenn alles mehr Planung und gleichzeitig Spontanität benötigt, so werdet ihr auch als Paar Zeit haben. Anders und weniger, aber sie ist da. Du wirst wegfahren und Dinge unternehmen und einfach ausprobieren, was mit Kind alles klappt. Und das wird viel sein. Und das wichtigste: Du wirst ehrlich zu Dir selbst sein. Ein Kind zu haben ist weder purer Sonnenschein, noch Dauerregen. Alles hat seine Zeit und das ist auch völlig in Ordnung so.

Doch eines kann ich Dir versprechen: das wird das emotionalste Jahr Deines bisherigen Lebens. Du wirst noch unzählige Male Deine Tochter anstarren und Tränen vergießen. Du wirst sie anschauen und nicht glauben können, dass Du für das Leben dieses Wesens verantwortlich bist. Du hast es produziert und Du schützt es mit allem, was Dir möglich ist. Sie wird Dein größter Spiegel, Deine engeste Seelenverwandte und Deine wichtigste Begleiterin. Sie wird Dich zur Verzweiflung treiben und Dein Herz zum Überschäumen bringen. Die plötzlichen Liebestsunamis haben nichts mit Hormonen zu tun. Die haben mit dem Mama-sein zu tun. Du hast das wundervollste Kind auf Erden und jeder Monat, jede Phase wird etwas ganz besonderes sein. Jeder Schritt wird Dich überraschen, Dich stolz machen und Dir auch unglaublich viel Spaß machen. Hänge keinem Schritt hinterher, denn der nächste wird mindestens genauso wunderbar.

Schneller als Du denkst wird es soweit sein und Du bist ein Jahr Mama! Und das hast Du ziemlich gut gemacht, auch wenn Du häufig daran zweifelst! Kürzlich habe ich einen schönen Artikel gelesen. Darin steht, dass niemand beurteilen kann, ob Du eine gute Mutter bist. Auch Du selbst nicht. Die einzige Person, die dieses Urteil fällen darf ist Dein Kind. Alles was Deine Tochter braucht, ist Liebe, Aufmerksamkeit und Geborgenheit. Und davon wirst Du ihr ganz viel geben! Du bist die beste Mutter, die Du Deiner Tochter sein kannst. Und das genügt. Sie möchte Dich genauso wie Du bist.

Herzlichen Glückwunsch zur Geburt Deiner Tochter! Stürze Dich in das Abenteuer mit all seinen Höhen und Tiefen. Lass Dich überraschen und genieße die Momente! Keiner wird wiederkommen, aber ganz viele werden aufeinander folgen.

Und jetzt ruh Dich aus…die nächsten Tage werden ziemlich hart!

Eine riesengroße Umarmung von Dir selbst. Von einer Mama, die nun eine 1-jährige Tochter hat.

12 Monate

1 Jahr Feli

Diesen Artikel widme ich der tollen Sommer-Blogparade #meinBriefanmich. Mehr dazu und weitere wundervolle Briefe findet ihr auf dem Hebammenblog.

9 thoughts on “12 Monate Mama – Brief an mich selbst

  1. Danke an die wunderschönen Bilder im Kopf. Bilder von Dir und der Mini-Mainzerin, weil es so schön geschrieben ist, Bilder von mir und meinen Kindern, weil ich so vieles so gut nachvollziehen kann. Danke vielmals!
    LG Barbara (mit Beebie und Junior)

  2. Ich sitze heulend hier, seit ich mit dem Lesen deines Brief angefangen habe. Unser erster Geburtstag ist nun schon 2 1/2 Monate her… ich weiß nicht, wo das Jahr hin ist. Ich habe das pflegeleichteste Kind (abgesehen von ihren Phasen ;-)), das man sich vorstellen kann und hatte im ersten Jahr (bis auf diese Phasen ;-)) mehr Zeit für mich als man sich erträumen kann… und irgendwie vermisse ich die Momente, in denen die kleine Maus auf meinem Arm geschlafen hat und ich meine Zeit ihr gewidmet habe :-.) Wenn ich gewusst hätte, wie kurz diese Zeit ist, hätte ich sie mehr genossen – das würde ich in einem Brief an mich schreiben. Wie oft ärgere ich mich rückblickend, dass ich an manchen Tagen einfach nur Hummeln im Po und keine Nerven hatte, ruhig mit der Kleinen auf dem Sofa zu sitzen :-( Das zweite Jahr ist auf seine Art genauso schön… genauso aufregend mit den anderen ersten Malen, die es nun gibt und trotzdem vermisse ich oft die erste Zeit :-)

    • Das hast Du sehr schön geschrieben, danke für Deinen Kommentar! Ich bin gespannt auf das zweite Jahr…ich bin mir ziemlich sicher, dass es sehr viel anstrengender wird. Zumindest zeichnet es sich momentan so ab ;-)

  3. Pingback: Geheimnisse aus der Zukunft: Eltern-(Blogger)-Wissen - Hebammenblog.de

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