2 Jahre Mama – Ein Brief an meine Tochter

Liebe F.,

heute ist Dein zweiter Geburtstag und wie so häufig kann ich nicht glauben, wie schnell die Zeit vergangen ist. Erinnerungen und Gedanken durchströmen meinen Kopf. Der erste April wird für den Rest meines Lebens der emotionalste Tag des Jahres sein.

Heute vor zwei Jahren, es war ca. 6 Uhr morgens, da wurde mir klar: jetzt geht es los! 24 Stunden vor dem Einleitungstermin. Heute vor zwei Jahren war es, als sie mich gegen halb neun aus dem Krankenhaus wieder nach Hause schickten. Und wir 20 Minuten später mit Wehensturm zurückfuhren. Heute vor zwei Jahren – um 15.06 Uhr hielt ich Dich das erste Mal in meinem Armen und Du schautest mich mit Deinen kleinen großen Augen an. Heute vor zwei Jahren schrieb ich ziemlich viele Nachrichten mit dem Satz: sie ist da! Heute vor zwei Jahren nahmen sie Dich mir wieder weg und brachten Dich in einer andere Klinik. Heute vor zwei Jahren begann die Antwort auf die Frage aller Fragen: wie fühlt es sich an, Mama zu sein?!

Seit Du bei uns bist, sieht man von mir nicht mehr nur die Spitze des Eisberges. Nach zwei Jahren kenne ich auch alle Tiefen unter Wasser. Die Tiefe bedingungsloser Liebe. Die Tiefe der eigenen Grenzen.

Das zweite Jahr mit Dir war aufregend, abwechslungsreich, erstaunlich, anstrengend und sehr liebevoll. All das war das erste Jahr irgendwie auch. Doch es war von wesentlich mehr Unsicherheit geprägt. Im ersten Jahr war ich unsicher, wie das mit Kind alles so funktioniert. Stillen, füttern, schlafen. Es ging um die elementaren Dinge, für die es an jeder Ecke einen Ratgeber gibt.

Im zweiten Jahr hast Du mich sehr viel mehr herausgefordert. Du hast Dich verändert. Man könnte meinen um 180 Grad. Das erste Jahr mit Dir war so unkompliziert, wie man es sich nur wünschen kann…auch wenn ich das in dem Moment vielleicht gar nicht so wahrgenommen habe. Doch zurückblickend war es so. Du hast ziemlich schnell lange geschlafen, Du hast Dich unkompliziert stillen und abstillen lassen, man konnte Dich immer und überall ohne Probleme mitnehmen, Du hast angefangen in Deinem eigenen Zimmer zu schlafen. Das einzige, was ich immer ein wenig bedauert habe: Du warst nie ein Kuschelkind. Während andere Eltern ein Klammeräffchen an sich hatten, warst Du immer selbstzufrieden. Das hat es uns sehr einfach gemacht und gleichzeitig fand ich es ein wenig schade. Ich bin nämlich eine Kuschel-Mama.

Das hat sich geändert. Inzwischen hälst Du mit Deinen Liebesbekundungen nicht mehr hinter dem Berg. Du verteilst Küsse, Du klammerst an mir, Du schläfst teilweise nur in meinem Arm ein. Und vor allem kannst Du nach 10 Monaten im eigenen Zimmer seit einigen Monaten nun nicht mehr ohne uns schlafen. Das ist anstrengend und wunderschön zugleich.

Spätestens seit dem Herbst letzten Jahres wissen wir auch, dass Du ein echter kleiner Widder bist. Du bist so willensstark und zielgerichtet, wie ich es nach dem ersten Jahr niemals gedacht hätte. Da fand ich Dich plötzlich schreiend auf der Straße liegend wieder. Und das nicht mal 5 Minuten, sondern Du ziehst das auch gerne mal eine halbe Stunde durch. Wenn Du etwas wirklich (nicht) möchtest, kennt Dein Durchhaltevermögen keine Grenzen. Ich versuche mitzuhalten, muss aber hin und wieder tatsächlich kapitulieren.

Manchmal treibst Du mich in die Verzweiflung. Aber weißt Du was? Ich bin gleichzeitig auch irgendwie stolz auf Dich. Ich befürchte, dass uns noch sehr viele Kämpfe bevorstehen. Und noch mehr befürchte ich, dass Du mitunter den längeren Atem hast. Aber ich erahne auch, dass da ein willensstarkes kleines Herz in Dir schlägt, dass Dich stark macht. Mit Deiner liebevollen, herzlichen Art und dem so ausgeprägten Willen wirst Du es mal gut haben, wenn Du groß bist. Daran glaube ich sehr fest und im Grunde möchte ich daran auch nichts ändern, indem ich ständig irgendwelche Regeln festlege. Dein Rahmen soll weit sein und Du sollst Deinen Charakter darin entwickeln können, so wie er sich eben zeigt. Ich bin so stolz auf Dich, dass mein Herz manchmal platzen könnte.

Und genau das ist es auch, was es ausmacht, Mama zu sein. Dieser Zwiespalt, dieser ständige Wechsel der Gefühle. Sich kraftlos, mutlos und verzweifelt zu fühlen, um sich einen Moment später zu fragen warum eigentlich, wenn sich plötzlich wieder dieses wundervolle Lächeln in Deinem Gesicht breit macht. Oder wenn man das Gefühl hat, endlich allein sein und nichts hören oder sehen oder entscheiden zu wollen. Und wenn Du dann mal nicht da bist, Dich zu vermissen, als wären wir seit einem Jahr getrennt.

Obwohl unser gemeinsames Leben so viel anstrengender ist, als je zuvor, so ist es auch schöner als je zuvor. Manchmal glaube ich, dass ich Deiner Entwicklung hinterher hinke. Da schneide ich die Äpfel noch in kleine Spalten und plötzlich nimmst Du einen ganzen Apfel und beißt hinein. Da sitze ich nach einer Auseinandersetzung verzweifelt und mit Tränen auf dem Boden und plötzlich kommst Du und wischst mir mit Deiner kleinen Hand die Tränen aus dem Gesicht.

Du bist meine größte Herausforderung und mein größtes Glück. Kein Mensch wird mir jemals mehr über mich selbst beibringen, kein Mensch wird jemals diese unendliche und bedingungslose Liebe aus mir herausbringen. Jeder Tag ist ein Abenteuer mit Dir. Jeden Tag stehe ich mindestens einmal vor Dir und bin fassungslos vor Glück.

Ich danke Dir, dass Du zu uns gekommen bist. Ich danke Dir für jede Träne, jede Umarmung, jeden Kuss, jedes Kitzeln am Fuß, jedes Lächeln und jedes einzelne „Mama“. Du bist so rein, unbelastet und bedingungslos glücklich. Davon möchte ich Dir nichts nehmen, sondern möchte versuchen, Dir dafür immer so viel Freiraum zu geben wie Du ihn brauchst.

Bleib dieses wundervolle kleine Mädchen, das Du bist. Du wirst bedingungslos von Deinen Eltern geliebt und wir sind so stolz auf Dich, dass ich es hier nicht in Worte fassen kann. Wir freuen uns auf unsere kommenden Abenteuer als Familie.

Herzlichen Glückwunsch zum 2. Geburtstag, mein Herz!

Voller Liebe

Deine Mama

4 thoughts on “2 Jahre Mama – Ein Brief an meine Tochter

  1. Was für eine schöne Liebeserklärung an deine Tochter, wenn sie mal alt genug ist um es zu lesen, wird sie bestimmt überglücklich sein! Vieles kenne ich ja auch aus eigener Erfahrung (oh ja, der eigene Wille!) – und trotzdem man möchte die Racker nicht mehr missen. Warum habe ich deinen Blog erst vor kurzem kennengelernt?
    Herzlichen Glückwunsch, F !!!!

  2. Wieder mal so schön geschrieben und so wundervoll auf den Punkt gebracht.
    Mama sein ist echt das wunderschönste und schwierigste zugleich, aber auch ich würde niemals wieder tauschen wollen.
    Danke für die Erinnerung!
    Lieben Gruß | Barbara

  3. tja, der Wille

    Ich habe drei ganz unterschiedliche Willenskinder. Bei allem Erziehen ist und war mir wichtig: bleibe du, achte auf den Anderen, lerne bei Kompromissen dich als Sieger zu spüren.
    ich begleite Dich gerne- irgendwann mal persönlich- wer weiß:)

  4. Dieser brief ist wunderschön. Mein sohn wurde ebenfalls am 1.4.14 geboren, was diesen text für mich natürlich nochmal emotionaler macht.

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