Der Zollhafen und seine Bebauung

Es ist wohl kaum ein Geheimnis: ich bin ein riesiger Fan des Alten Zollhafens. Nicht nur, weil ich gerade um die Ecke wohne und ständig drüberfalle, sondern natürlich wegen seines Flairs. Wie viele Stunden ich in den vergangenen Jahren am Zollhafen verbracht habe, kann ich kaum mehr zählen. Am Wasser zu sitzen, ein Bier zu trinken und dabei den leisen Gitarrenklängen der anderen Genießer zu lauschen, war immer ein ganz besonderes Gefühl. Wenn im Sommer die letzten Sonnenstrahlen auf das alte Weinlager fallen und es in ein noch schöneres rot tauchen, da weiß man doch, dass man sich an einem besonderen Plätzchen Erde befindet. Es gibt einfach solche Orte.

Doch die Zeiten sind nun bald vorbei. Denn die Schiffe wurden schon vor einiger Zeit verlegt und die großen lärmende Maschinen haben Einzug erhalten. Das Ziel: Wohnungsbau. Genauso wie der Winterhafen. Nur mit gemischter Nutzung.

Mir ist bekannt, dass die größten Bemühungen bestehen, dass das Zollhafengelände zu einem belebten Stadtteil werden soll, d.h. auch Büroräume entstehen, Kitas, Cafés und was weiß ich noch alles. Darum geht es nicht. Mir geht es um die Wohnungen.

Mainz hat definitv ein Wohnungsproblem. Das wurde schon zur Genüge durchgekaut. Die Mieten steigen immer weiter und überhaupt eine Wohnung in dieser Stadt zu finden, gleicht einem Wunder. Dabei – so scheint es – mangelt es nicht an Wohnungsbau. Schaut man sich das Gelände am Winterhafen an, sind dort nun wirklich reichlich Wohnungen entstanden. Doch was sind das für Wohnungen? Natürlich exklusive Wohnungen! Bezahlbar für den Durchschnitt? Eher nein. Der Rheinblick lockt natürlich zahlungskräftige Kunden an. Wobei der Rheinblick ja nur in erster Reihe besteht…so zumindest sieht es von außen aus. Dass diese neuen Bewohner (natürlich nicht alle, sondern meistens sind es ja Einzelne, die die lauteste Stimme haben), sich dann noch über den Lärm aus dem Kulturzentrum (KUZ) beschweren, grenzt ja schon ans lachhafte…wenn es nicht so traurig wäre. Wahrscheinlich genau diese Menschen, die niemals einen Fuß in diese Institution gesetzt haben. Das ist ähnlich, wie in die Nähe des Flughafens zu ziehen und sich dann über den Fluglärm zu beschweren.

Und nun ist der Zollhafen an der Reihe. Kommt man vom Rhein auf das Gelände zu, sind die (beschmierten) Werbeschilder nicht zu übersehen: Exklusives Wohnen! Wer hätte es gedacht! Und weil ich nicht nur erahnen wollte, dass da wieder mit horrenden Preisen um sich geworfen wird, habe ich Fakten geschaffen. Ich ließ mir die Kosten für die Rheinkai-Wohnungen zusenden.  Und ich wurde in meinen Befürchtungen bestätigt. Fest steht: eine solche Wohnung ist für uns schon mal außer Reichweite.Davon abgesehen waren aber die meisten der Wohnungen sowieso schon verkauft!

Große Reden von familienfreundlichem Wohnen und Sozialwohnungen rücken doch da in weite Ferne, oder?! Da fragt man sich doch, wieviel exklusives Wohnen so eine Stadt mit Wohnungsnot noch vertragen kann! Sind es denn tatsächlich die Menschen, die sich diese Wohnungen leisten können, die unter Wohnungsnot zu leiden haben? Ich glaube es kaum.

Warum muss es immer exklusiv sein? Wegen der Rendite? Meine Güte, dann lasst halt die Fußbodenheizung weg, macht die Fenster nicht bodentief, stattet die Wohnungen nicht mit Luxusküchen aus und was weiß ich, was in Exklusivwohnungen noch für Raffinessen untergebracht werden. Baut man günstiger, kann man günstigerverkaufen/vermieten. Die Rendite bleibt doch die gleiche! Oder etwa nicht?

Das Thema sozialer Wohnungsbau wird in diesem Zusammenhang auch immer wieder aufgegriffen und ist selbstverständlich ein wirklich wichtiges Thema. Denn genau diese Menschen haben am wenigsten Handlungsspielraum, was die Wohnungssuche angeht.

Doch möchte ich auch mal auf den Durchschnittsbürger hinweisen. Familien, Doppelverdiener oder auch Singles mit ganz normalem Durchschnittseinkommen. Leute, die durchaus auch mal 50 Euro mehr für eine Wohnung zahlen können, aber nicht gleich 400 Euro mehr. Diese Erfahrung mussten wir nämlich machen, als wir uns mal ein wenig umgeschaut haben. Für eine Wohnung, die 10-20qm mehr hat, kann man inzwischen direkt 500 Euro mehr Miete rechnen, aufgrund der in den letzten Jahren gestiegenen Preise. Das brachte uns dazu, weiterhin mit unserer kleineren Wohnung Vorlieb zu nehmen (davon abgesehen ist sie auch sehr schön) und das Geld zu sparen. Wir haben uns nun so eingerichtet, dass der Platz auch zu dritt passt. Aber nicht bei jedem funktioniert das so. Was sind also die Alternativen am Beispiel der Familien? Sonstige Ausgaben drastisch reduzieren – d.h. zum Beispiel Urlaube und sonstige „überflüssige“ Dinge komplett streichen. Oder aus der Stadt rausziehen. Aber kann es denn wirklich Ziel der Stadt sein, dass Familien, die doch wahrscheinlich sogar verhältnismäßig konsumbereit sind, alle wegziehen?

Denn ziehen diese Familien erstmal raus, kommen sie dann tatsächlich noch in die Innenstadt zum einkaufen, wo allein die Parkgebühren schon ausschlaggebend sind? Oder fährt man dann nicht tendenziell schneller in irgendwelche Einkaufszentren? Wer lässt dann das Geld in den kleinen Geschäften und in den vielen schönen Cafés?

Achso, nein, ich habe ja kürzlich gelesen, dass man doch froh sein solle, wenn zahlungskräftige Menschen in der Stadt blieben. Wegen der Steuern, die ja letztlich der Gemeinschaft wieder zukommen. Ja, so kann man es natürlich auch sehen…äh…drehen.

Fragen über Fragen, die ggfs. etwas provokant und absolut formuliert sind, die ich mir immer wieder stelle und mich phasenweise wirklich in Rage bringen können. Der Ausdruck “Exklusives Wohnen” ist für mich inzwischen zum Reizwort mit Ausflippgarantie geworden. Ich kann es einfach nicht mehr hören. Und ich kann auch keine stolzen Gesichter sehen, wenn wieder tolle Investoren an Land gezogen worden sind.

Es wäre wirklich schade, wenn es genau so kommt, wie ich es befürchte. Denn der Zollhafen war (aus meiner Sicht noch mehr als der Winterhafen) immer ein ganz besonderer Ort, an dem Gleichgesinnte zusammengekommen sind. Es war ein kreativer und inspirierender Ort. Ein Ort der Ruhe und der Gesellschaft gleichzeitig. Wo man für sich sein oder ins Gespräch kommen konnte. Das alles wird in den kommenden Jahren unter Beton verschwinden. Und so wichtig es ist neuen Wohnraum zu schaffen, so sehr schmerzt es mein Herz, dass Menschen, denen das “Exklusive Wohnen” so wichtig ist, diesen Charme niemals kennenlernen werden oder zu schätzen wissen, weil sie möglicherweise nie einen lauen Sommerabend dort verbracht haben. Sie sehen ggfs. nur den attraktiven Rheinblick und beschweren sich am Ende noch über die lauten Motorboote, die im Sommer über das Wasser flitzen. Denn laut sind sie. Mir bleibt nur zu hoffen, dass alles vielleicht doch ganz anders kommt und ein Hauch dieses ganz besonderen Flairs erhalten bleibt. Und dass wenn schon alles bebaut wird, wenigstens alle Mainzer etwas davon haben werden und es zu einem wirklich durchmischten und charmanten Teil der Stadt wird. Denn genau das macht doch die Neustadt auch jetzt schon aus.

Lieber Zollhafen, danke für viele einzigartige und wundervolle Stunden. Ich werde Dich in Deiner heutigen Form vermissen…

Mainz_Zollhafen

4 thoughts on “Der Zollhafen und seine Bebauung

  1. Hallo,

    10% der Wohnungen im Winterhafen sind übrigens Sozialwohnungen. Wo sollten denn Deiner Meinung nach die Familien wohnen, die sich das exklusive Wohnen leisten können?Ich finde das es Mainz an Exklusivität fehlt. Umso mehr bin ich auf den neuen Juwelier in der Lu (ehemals Radio Bauer) gespannt.
    Was ist denn so schlimm zu dritt in einer kleinen Wohnung zu wohnen und Urlaub im Bayrischen Wald oder Thüringen anstatt eine Fernreise nach Vietnam zu machen? Es macht doch keinen besseren oder schlechteren Menschen aus.

    VG

    • Hallo e,
      danke für Deinen Kommentar, schade dass kritische Kommentare immer anonym abgegeben werden…ich gehe aber eher davon aus, dass es um Provokation geht. Trotzdem möchte ich etwas dazu sagen.
      Ohne mich mit den Details auszukennen, gehe ich davon aus, dass Bauvorhaben in dieser Größenordnung überhaupt nicht mehr ohne einen gewissen Anteil an Sozialwohnungen durchsetzbar sind. Am Zollhafen war mal von gewünschten 20% die Rede, inzwischen spricht man eher vom einstelligen Bereich.
      Außerdem spricht auch überhaupt nichts dagegen, einen gewissen Anteil an exklsivem Wohnen zu schaffen. Es ist alles eine Frage der Größenordnung. Außerdem steht es glaube ich außer Frage, dass es sehr viel einfacher ist eine Wohnung/Haus über 500.000 Euro in MZ zu finden als darunter, ohne dass es erstmal von komplett renoviert werden muss. Wie ich in meinem Artikel zum Ausdruck bringen wollte, gibt es auch ein Mittel zwischen Sozial- und Exklusivwohnungen. Genau darum ging es mir. Ich denke, dass es für den entsprechenden Preis sicherlich überhaupt kein Problem ist, am Rhein eine wundervolle Altbauwohnung zu finden. Da hält sich mein Mitleid relativ in Grenzen für die Masse an Familien, die ganz sicher unter exklusiver Wohnungsnot leiden!
      Die letzten beiden Sätze halte ich für unsachlich und am Ziel vorbei! Denn von besseren uns schlechteren Menschen ist schon mal überhaupt keine Rede oder ich finde keinen Bezug.
      Beste Grüße
      Nina

      • Hallo Nina,

        nein, provozieren wollte ich nicht (lese Deinen Blog ganz gerne), nur ist das Thema Wohnungsbau – ja überhaupt Bauprojekte in Mainz – ein sehr emotionales Thema, daher Danke für Deine Antwort.
        Das es Dir um das Mittel zwischen Sozial- und Exklusivwohnungen geht habe ich nicht rausgelesen. Eher um Ungleichheiten von Einkommen und Vermögen am Beispiel von Familien die als Konsequenz der Mietpreisentwicklung zu drastischen Ausgabenreduktionen gezwungen sind, ihren Urlaub streichen oder aus der Stadt ziehen müssten – das fand ich wiederum unsachlich.
        Meine Formulierung besserer/ schlechterer Mensch ist bei erneutem Lesen missverständlich und wirklich schlecht gewählt; hier wollte ich ausdrücken, dass Urlaub zu Hause oder der Umzug auf’s Land keine soziale Ausgrenzung ist.

        VG, e

        • Hi,
          super, dass Du nochmal geschrieben hast und die Sichtweisen jetzt klarer und nachvollziehbarer sind! Wie gesagt, mir ging es tatsächlich um die Durchschnittsfamilie, die (wie ich geschrieben hatte), durchaus mal 50 Euro mehr, aber nicht 400 Euro mehr investieren kann. Dass ich bei geringerem Gehalt, vielleicht auf 10 qm verzichten muss und nicht 2x im Jahr in die USA fliege, sondern auch mal an der Nordsee campe, ist alles kein Thema. Ich finde halt, dass Neubauten inzwischen so häufig mit Luxus beworben werden. Das sehe ich auch in meiner Heimatstadt. Ich kenne Familien, die händeringend eine Wohnung/Haus suchen und sich das auch durchaus leisten könnten…aber eben nicht für 500.000 + x.
          Und im speziellen Fall des Zollhafens finde ich den Clash einfach riesig. Einerseits, weil es ein toller Ort für viele Menschen war, der nun zugepflastert wird (unabhängig davon, was jetzt genau), zum anderen weil die Neustadt einfach ganz anders tickt, als mit Luxuswohnungen – und ganz am Anfang auch mal andere Pläne bestanden. Wie schon im ersten Kommentar gesagt, es spricht ja nix dagegen, dass auch ein gewisser Teil teuer sein kann. Nur es wäre schön, wenn es neben Luxus- und Sozialwohnungen auch noch ein Zwischending gäbe. Aber wer weiß, es ist ja noch nicht aller Tage Abend…
          Selbstkritisch bleibt natürlich auch nicht verborgen, dass es ja doch offensichtlich genügend Menschen gibt, die die 500.000-1.000.000 für eine Wohnung am Zollhafen zahlen können. Angebot und Nachfrage scheinen ja zu funktionieren…objektiv also eine nachvollziehbare Entwicklung.
          Beste Grüße
          Nina

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