Goodbye Neustadt!

Es war keine Liebe auf den ersten Blick. Nein, wahrlich nicht. Dein Äußeres sprach micht nicht an und Dein Inneres blieb mir damals noch verschlossen. Damals. Das war vor acht Jahren.

Ich war fremd in der Stadt und dachte, es könne nur einen Ort geben: die Altstadt. Bunt, historisch, zentral und voller Abwechslung. Sympathisch und einnehmend. Aber ich habe mich blenden lassen.

Das mit uns beiden war zunächst eine Zweck-Gemeinschaft. Eine Zwangsehe sozusagen. Und dieses Gefühl hielt auch einige Jahre an. Ich wollte weg. Das mit uns sollte eine Übergangslösung sein. Ewig in der Neustadt leben, das war eigentlich keine Option. Die Wege so weit. Ein Ort zum Wohnen, aber nicht zum Leben. Keine Wärme, nur Häuserblocks.

Doch irgendwann – ganz schleichend – veränderte sich das Gefühl. Es gab keinen Auslöser. Du hast Dich verändert, doch auch ich habe mich verändert. Ich hatte die Möglichkeit, irgendwann mehr Zeit in der Stadt, in dem Stadtteil, zu verbringen, in dem ich wohnte. Und Du fingst an, zu zeigen was Du kannst. Wir fanden zusammen.

Als hättest Du es immer in Dir getragen, bist Du plötzlich explodiert. Deine Wärme verbreitete sich von Straße zu Straße, von Wohnblock zu Wohnblock. Es war irgendwann gar nicht mehr nötig, in die alles überstrahlende Altstadt zu fahren. Denn Du nahmst Deine Bewohner immer weiter ein und machtest es uns nicht mehr nur wohnens- sondern aus lebenswert.

Da waren nun Menschen, die auf den erstmal provisorisch rausgestellten Tischen und Stühlen verweilten und nicht nur vorbeihetzten. Man sah Freunde und blieb auf ein Gespräch. Deine Orte wurden immer kreativer und abwechslungsreicher und manchmal auch bewundernswert.

Ich weiß nicht mehr wann der Punkt kam, doch irgendwann konnte ich mir ein Leben ohne Dich kaum mehr vorstellen. Ich war angekommen und genoß das wundervolle und gewohnte Umfeld, dass sich gleichzeitig ständig veränderte.

Und nachdem sich all diese bunte Lebensenergie verbreitet hatte (und sich weiterhin verbreitet), fiel mir auf, dass wir im Grunde von Anfang an zusammengepasst haben. Ich habe es nur nicht gesehen und begriffen. Denn der Rhein, der war schon immer da.

Jetzt, wo ich Dich verlasse, ist es mir unbegreiflich, wie ich damals nicht sehen konnte, welche Lebensqualität Du schon geboten hast. Wir fuhren zum Winterhafen und ignorierten, was für eine wunderbare Fläche Du uns schon immer präsentiert hast. Ich habe es nicht gesehen. In meinen letzten Tagen, in denen ich meinen Arbeits-Heimweg am Rhein entlangradeln konnte, war mir schleierhaft, wie mir das alles jemals verborgen bleiben konnte. Und jetzt werde ich es so vermissen.

Auch der Zollhafen war immer da. Und auch wenn ich ihn stets genossen habe und viel Zeit dort verbrachte, so war mir selten klar, wie sehr ich diesen Ort liebte. Als das alte Weinlager noch verfallen war. Als man hinaufklettern und auf dem Dach ein kühles Bier trinken konnte. Als man dort den Sonnenuntergang beobachten und sich den Wind durch die Haare wehen lassen konnte. Als man sich vorkam wie in einer völlig unrealistischen Filmszene. Nur ohne Schauspieler, sondern voller echter Emotionen. Die Zeiten sind nun vorbei. So oder so.

Denn auch das ist der Preis, den man für diese wohlige Wärme zahlt, die Du entwickelt hast. Es ist kein Geheimnis mehr und wir können das alles nicht mehr für uns genießen. Berühmtheit hat ihre Schattenseiten. Alle wollen Zeit mit Dir verbringen, mit Dir leben. Verständlich, doch auch ein wenig überfordernd. Denn es geht was verloren. Ich freue mich, dass wir unsere gemeinsame Zeit so erleben durften, wie wir sie erlebt haben. Dein Erwachen, Deinen Frühling. Diese Zeit wird immer in meinem Herzen sein und eine ganz besondere Phase meines Lebens darstellen.

Doch unsere Zeit ist nun zu Ende. Du bietest mir keinen Raum mehr. Die Veränderung, die Du in den letzten Jahren erfahren hast, lässt meiner Veränderung leider keinen Platz mehr. Eine Trennung aus Vernunft schmerzt am meisten. Und doch ist sie richtig.

Liebe Neustadt, heute kehre ich Dir ganz offiziell den Rücken. Ab jetzt bin ich nur noch dabei, aber nicht mehr mittendrin. Selbstverständlich werden wir uns weiterhin sehen. Und das mit großer Freude. Aber es wird nicht mehr so sein, wie es mal war. Wir haben viel gemeinsam erlebt und unglaublich wichtige Ereignisse in meinem Leben hast Du umrahmt, sogar aktiv begleitet. Das wird uns auf ewig verbinden.

Deine Nina

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3 thoughts on “Goodbye Neustadt!

  1. Meine liebe Nina, eine Hymne auf die Neustadt….auch ich habe noch viele Bildern aus dieser Zeit im Kopf, wo die Neustadt nur Studenten, Alteingesessenen und Menschen mit Migrationshintergrund gehörten, weil der Rest der Stadt keinen Platz für uns bot..man nahm in Kauf, dass man 5 Stockwerke in den Altbau rennen muss, tagein, tagaus…auch ich vermisse es und erinnere mich gerne an meine Zeit in der Neustadt. Aber es kommt eine Zeit, da genießt man es morgens seinen Kaffee auf der Terrasse trinken zu können…und die wirst Du auch genießen!

    Ich hoffe, dass es bald mal wieder klappt…gutes Einleben in die neue Heimat, die auch Dein Herz schnell erobern wird ;-)

    Ein Gruß und Kuss von der anderen Rheinseite!

  2. Liebe Nina!
    Wie schön Du das beschrieben hast….
    Ich freue mich für dich, dass Du „Deine Neustadt“ in dieser Art und Weise erleben durftest. Welch ein Geschenk! Und du hast es ausgepackt. Herzlichen Glückwunsch!
    … Und ich wünsche Dir und Euch alles alles Liebe für Euer neues Zuhause. Wie ich Dich kenne, wirst du mindestens das Beste draus machen. Good luck!!!!
    Jasna

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