Horizont

Die Straße läuft wie mit dem Lineal gezogen dem Horizont entgegen. Ich fahre durch eine Ebene voller grün. Von Zeit zu Zeit ein Haus, eine Farm, ein Antikladen, alte Trucks und riesige Bäume. Hier und da werkelt jemand vor seiner Tür. Es scheint die Sonne und am Himmel tummeln sich einige friedlich aufgeplusterte Wolken. Am Horizont erheben sich die Berge. In einer Ferne, die keine Schätzung zulässt.

Ich kann die Ferne spüren, die Luft zum Atmen, den Raum für freie Gedanken. Alles scheint richtig, jeder Gedanke, wert gedacht zu werden. Alles ist relevant und im gleichen Moment auch bedeutungslos. Freiheit. So fühlt sich Freiheit an.

Und plötzlich niestet sich da etwas ein. Wie ein kleiner Stachel stört er den Fluss der Gedanken.

Es ist das Wissen darum, dass das alles bald wieder ein Ende hat. Und plötzlich übermannt mich das Gefühl der Enge. Der eigenen vier Wände, der Stadt, des Alltags. Ich fühle mich eingeschränkt, klein gehalten und unflexibel. So viele Menschen, Häuser, Autos. Es gibt keinen Horizont. Alles ist zugestellt und in ständiger Hektik. Alle Gedanken sind gedacht, alle Ideen schon mal gewesen. Neues muss erkämpft und verargumentiert werden.

Zu Hause gibt es keine Weite, keine fließenden Gedanken. Deshalb würde ich dieses Gefühl hier so gerne mitnehmen. Die Luft, die Sonne, die endlose Sicht und das untrügliche Gefühl, dass die Natur die Gewalt hat. Genau das vermisse ich zu Hause. So sehr ich es liebe dort zu leben, wo ich lebe, genau so sehr bleibt diese große Sehnsucht. Nach Weite, nach Gedankenfreiheit. Nach Zeit für Neues, nach Raum für Spontanes.

Ich suche einen Ort, der mir genau das geben kann. Einen erreichbaren Ort für Auszeiten. Einen, der Inspiration und Freiheit gibt und Ideen nicht im Keim erstickt. Einen, der offen ist und einen Horizont hat. Einen Ort, der alles richtig sein lässt, genau so wie es gerade ist.

4 thoughts on “Horizont

  1. Das kann ich so gut nachempfinden. Liedes Mal, wenn ich in Cali lande, heule ich vor Glück, weil ich das Gefühl habe ATMEN zu können und dass alles möglich ist. Oft sitze ich hier im Auto und heule, weil ich den Cali Blues habe und mir das extrem fehlt.

  2. So geht es mir mit Mainz. Kein Witz. Jede Woche bin ich für die Arbeit einige Tage am Stück unterwegs. Ich habe einen Job, der mich zwar nicht 100 prozent erfüllt, aber er ist nah dran. Ich mag ihn schon sehr.

    Trotzdem.. wenn ich zurück komme und mit Auto, Board oder mit dem Zug über eine der Rheinbrücken fahre und den weiten Blick über den breiten Fluss habe, geht mein Herz auf, ich bekomme ein Stralen in mein Gesicht und sage „Hallo Mainz“. Jedes mal.

    Die Weite Neuseelands ist sicher was anderes und für mich hat Mainz andere Assoziationen als für dich, aber vielleicht hilft dir meine Beschreibung ja ein bisschen der Bedrückung entgegen zu wirken. Ich habe sie nicht beschönigt.

    • Im Grunde geht es mir mit Mainz auch so. Deshalb wohne ich auch so gerne hier. Ich liebe den Rhein und die Zeit am Wasser. Habe noch keine Stadt gefunden, die auf Anhieb das in mir ausgelöst hat.

      Aber manchmal bedrückt mich die Enge des Rhein-Main-Gebiets oder auch Deutschland. Vielleicht wäre das auch anders, würde ich am Meer wohnen. Aber so eine richtige Freiheit zu spüren, das hab ich hier noch nicht erlebt. Aber vielleicht wäre es auch nicht mehr so, wenn man es jeden Tag hätte…who knows ;-)

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