Journalismus mal anders gedacht

Es ist bekannt, dass Zeitungsverlage ächzen. Unter sinkenden Auflagenzahlen und in der Folge unter sinkenden Werbepartnern. Die neuesten Nachrichten im Internet nachzulesen geht schneller, ist günstiger und man kann sich innerhalb von Minuten die Nachrichten auf den diversen Plattformen anschauen, die einen wirklich interessieren.

Ein neu gegründeter Verlag in Mainz möchte jetzt neue Wege ausprobieren. Ich durfte den Merkurist besuchen, mir die Räume anschauen und ein bißchen mit Gründer Manuel Conrad plaudern.

Es ist augenscheinlich, dass Manuel für seine Idee brennt. Eine Idee, die die Herangehensweise an den Journalismus in ein neues Licht rücken will. Denn aus seiner Sicht sollte die Entscheidung über Themen und Artikel nicht ausschließlich bei den Redakteuren liegen. Stattdessen möchte er den Konsumenten in den Vordergrund rücken. Sprich, der Leser soll entscheiden, was er lesen möchte.

Merkurist_Mainz

Um das zu erreichen, können Leser eigene Themen (ggfs. inklusive Material) auf der Seite einreichen. Der Merkurist nennt das „Snips“. Das kann einfach eine Überschrift oder ein kleiner Text sein. Anschließend steht dieser „Snip“ einige Tage zur Bewertung frei. Anhand des „Oha“-Button können Leser ihr Interesse für das Thema signalisieren. Sofern genügend Interesse besteht, arbeitet ein Journalist das Thema aus oder recherchiert weiter.

Auch das Team selbst informiert über aktuelle Themen in Mainz, die bei großem Interesse in eine immer weitreichendere Detailtiefe bearbeitet werden.

Um Mißbrauch vorzubeugen, muss sich jeder, der abstimmen oder kommentieren möchte, anmelden. Das hindert natürlich auch einige daran, aktiv mitzuwirken. Auch ich bin bei solchen Anmeldungen immer sehr zurückhaltend. Doch ich kann nachvollziehen, dass Mißbrauch und die sogenannten Trolle nur auf diese Weise ferngehalten werden können. Ich kenne es ja von hier.

Ziemlich faszinierend fand ich die ausgefeilte Technik, die hinter all dem steht. Im Detail darauf einzugehen, würde jetzt zu weit führen. Doch ein paar Sätze sind es doch wert. Interessant sind natürlich beim Betreiben von Seiten jeweils die Klickzahlen und Verweildauern. Was ich aber ziemlich ausgetüftelt fand ist, dass auch nachvollziehen zu ist, wie weit der Artikel gelesen wurde. Sprich eine Art Abbruchrate. Zugrundegelegt wird eine durchschnittliche Lesegeschwindigkeit. Das Programm erkennt, wie lange ein Text auf dem Bildschirm angezeigt wird, ob weitergescrollt oder weggeklickt wurde. Anhand der durchschnittlichen Lesegeschwindigkeit kann man erahnen, wie weit der Leser den Text gelesen hat.

Das lässt Schlüsse zu, wie lange die Aufmersamkeitsspanne der Leser bei bestimmten Themen oder auch Autoren ist. Ist das Thema relevant, fesselnd oder einfach gut geschrieben, kann man davon ausgehen, dass der Artikel bis zum Ende gelesen wird.

Finanziert wird das alles über Werbeeinnahmen. Es gibt sowohl gesponsorte Artikel als auch Werbeanzeigen im Text. So manchen mag das stören. Doch jedem muss auch klar sein, dass hochwertiger Content langfristig nicht kostenlos zur Verfügung gestellt werden kann.

Ich bin total gespannt, wie sich das alles weiter entwickelt. Wie immer bei neuen Ideen gibt es kritische sowie begeisterte Stimmen. Doch jede Idee ist es wert, probiert zu werden. Wer niemals neue Wege beschreitet, wird niemals neue Perspektiven erfahren. Daher drücke ich dem ganzen Team die Daumen und hoffe, dass alles so läuft, wie erträumt.

2 thoughts on “Journalismus mal anders gedacht

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