Mainzer Stadtschreiber 2017: Abbas Khider

Selten war ich auf einer Lesung, die mich derart begeistert hat. Nicht, dass ich ständig auf Lesungen wäre. Aber hin und wieder geschieht es ja doch. Und am vergangenen Montag hat es mich zur Antrittslesung des Mainzer Stadtschreibers verschlagen.

Mainzer Stadtschreiber? Ganz ehrlich: lange dachte ich, dass da jemand jährlich die Mainzer Stadtgeschichte dokumentiert, recherchiert oder ähnliche Dinge tut. Aber nein, das ist nicht der Fall. Stattdessen handelt es sich um einen Literaturpreis, vergeben von der Stadt Mainz, dem ZDF und 3 Sat.

In diesem Jahr ging der Preis an Abbas Khider, einen geflüchteten Iraker, der inzwischen in Deutschland als Schriftsteller arbeitet. Der Name sagte mir nichts, bis ich den Veranstaltungshinweis über die Antrittslesung im Gutenbergmuseum auf der Facebookseite des Kulturamt Mainz entdeckte. Und was ich da las, interessierte mich. Genauso wie viele andere Mainzer, denn die (übrigens kostenlose) Veranstaltung war mehr als gut besucht.

Abbas Khider Mainzer Stadtschreiber

Bevor Abbas Khider kurze Passagen aus all seinen 4 Büchern vortrug, erfuhren wir mehr über seine durchaus dramatische Vergangenheit, die sich die meisten von uns wahrscheinlich nicht im Ansatz vorstellen können.

Aufgrund systemkritischer Aktivitäten unter der Herrschaft von Saddam Hussein wurde er in den 90er Jahren mit nur 19 Jahren verhaftet, fast zwei Jahre gefangen gehalten und gefoltert. 1996 gelang ihm die Flucht aus dem Irak. Im Jahr 2000 erreichte er schließlich Deutschland, das er eigentlich nur durchqueren wollte. Aufgrund der Asylbestimmungen durfte er jedoch nicht weiterreisen und musste in Deutschland Asyl beantragen. Seitdem lebt er in hier und veröffentlichte schließlich 2008 sein erstes Werk.

Doch nicht nur der unglaubliche Lebenslauf beeindruckt, sondern vor allem die Person an sich ist wirklich herausragend. Nicht oft trifft man Menschen, die ein solches Schicksal hinter sich haben. Jedoch jemanden zu treffen, der solche Strapazen hinter sich hat und mit dieser Prise Humor und einer unglaublichen Reflektion berichtet, das beeindruckt zutiefst.

In seinen Büchern geht um die Folterthematik, um die Flüchtlingsthematik. Inwiefern diese autobiografisch sind und an welcher Stelle es schlicht eine Erzählung ist, kam für mich nicht heraus. Ist letztendlich aber auch nicht wirklich wichtig. Geht es am Ende doch darum wachzurütteln, um Augen zu öffnen und sensibel zu machen.

Nach den kurzen Passagen zu urteilen, haben all seine Bücher an vielen Stellen ein Augenzwinkern, das möglicherweise bei den Themen verstörend wirken mag. Vor allem, wenn es von jemanden geschrieben wurde, der mehr oder weniger davon selbst erlebt hat.

Abbas Khider liefert hierfür aber Antworten. Eine Aussage seinerseits ist mir im Kopf geblieben. „Ich muss meine Leser nicht foltern, um meine Folter zu beschreiben.“ Was er meint ist, dass nicht alles völlig realtitätsgetreu beschrieben werden muss, um Bewusstsein zu schaffen. Daher ist es für ihn auch wichtig, erst Abstand von Ereignissen zu bekommen. Damit er diese nicht nur schwarz/weiß darstellt. Sondern auch das Rauschen erfassen kann. Denn aus seiner Sicht sind die Dinge nicht schwarz und weiß, egal wie dramatisch sie zunächst erscheinen mögen.

Mainzer Stadtschreiber 2017 Khider

So berichtet er zum Beispiel davon, dass er in seiner Zeit im Gefängnis viel gelernt hat. Was erstmal merkwürdig erscheint. Hat man als Außenstehender die Folter vor Augen, fällt die Vorstellung schwer, wie jemand auch Platz für eine gute und lehrreiche Zeit haben könnte. Khider berichtet aber, dass zu damaliger Zeit viele Gelehrte, Künstler, Kreative im Gefängnis saßen. Letztlich verbrachte er viel Zeit mit interessanten und gelehrten Menschen, die ihm viel beibrachten.

Und genau das ist dieser Blick von oben, den ich unglaublich beeindruckend finde. Ich hätte ihm noch ewig zuhören können. Denn man erfährt von ihm eine Lebenseinstellung. Wie er sagt, eine Entscheidung für das Leben!

Ich könnte noch unzählige Beispiele nennen, die das untermauern, das würde aber die Zeilen hier sprengen. Eines soll aber auch nicht unerwähnt bleiben: ich finde es bemerkenswert, wie jemand, der erst mit 27 Jahren (im Jahr 2000) hierhergekommen ist, solche Bücher schreiben kann. Dass jemand in einer Sprache, die er erst so spät gelernt hat, sich bewegen, strecken, drehen und Purzelbäume schlagen kann. Auch nach wenigen Passagen wird bereits deutlich, dass er mit der Sprache spielt. Er erklärt seinen sprachlichen Zugang zu jedem seiner Bücher. Unglaublich für mich! Ich denke, dass genau diese Reflektion, diese Liebe zu Worten, dieses Austesten von Möglichkeiten einen echten Künstler ausmachen. Und das in einer fremden Sprache.

Ich kann nicht annähernd in Worte fassen, wie beeindruckt mich der Abend zurückgelassen hat, denn leider kann ich nicht auf diese verschiedenen Weisen mit Worten jonglieren. Ich finde Abbas Khider ist aber tatsächlich ein echtes Vorbild. Im Sinne seiner Einstellung zum Leben. Seinem Verhältnis zu Menschen, die ihm Schlimmes angetan haben. Aber auch seiner Fähigkeit sich zu reflektieren und mitzuteilen.

Ganz sicher wird er im kommenden Jahr öfter irgendwo zu sehen sein. Die nächste Veranstaltung, die ich ausmachen konnte, ist im Hugendubel am Brandt. Ich kann euch nur dringend ans Herz legen, mal eine Lesung zu besuchen. Nicht nur der Bücher wegen, sondern um diese positive und starke Persönlichkeit zu erleben.

Seine Bücher werde ich ganz sicher allesamt lesen. Ich hoffe, dass ihr auch neugierig seid, denn neben so viel Standardliteratur hat ein Schriftsteller wie er jede Aufmerksamkeit verdient.

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