Meenzer Köppe: Interview mit Vanessa Jilg

Endlich ist es mal wieder soweit und ich kann euch eine tolle Mainzerin in der Kategorie Meenzer Köppe vorstellen. Es geht sowohl um eine spannende Persönlichkeit, als auch ein wirklich interessantes Thema, über das ich Anfang des Jahres gestolpert bin. Daher hat mich das Gespräch mit einer Fachperson wie Vanessa Jilg sehr interessiert und ich hoffe, ihr findet es genauso nachdenkenswert. Es geht um „Hochsensibilität“.

Du hast seit diesem Frühjahr eine Praxis für Psychotherapie (HPG) – beziehungswerk –  mit dem Fokus auf Hochsensibilität und Paarberatung in der Mainzer Altstadt. Wie bist Du zu dem gekommen, was Du heute tust?

Ursprünglich bin ich Theaterpädagogin und habe später noch ein Studium der Sozialen Arbeit angehängt. Beides hat mir viel Spaß gemacht. Irgendwann habe ich jedoch auch Erfahrung mit dem Thema meiner eigenen (begrenzten) Belastbarkeit gemacht. Schon vor einigen Jahren bin ich auf das Thema Hochsensibilität gestoßen; in diesem Zusammenhang wurde es dann noch einmal (neu) relevant. Mir war damals klar, dass Hochsensibilität oft ein Puzzelstück, zum Beispiel für die Erklärung von erhöhter Stress-Belastung, sein kann.

Zudem war mir schon lange klar, dass ich eines Tages gerne selbstständig wäre. All das zusammen brachte mich auf den Weg, die Ausbildungen zur Heilpraktikerin für Psychotherapie, für integrative Kurzzeittherapie und Paartherapie zu absolvieren. Das Thema Hochsensibilität ist in der Öffentlichkeit aktuell noch ein Nischenthema, auf das ich gerne meinen Fokus legen wollte. Ich bilde mich dazu ständig weiter.

Das Thema Paartherapie hat mich zusätzlich interessiert, denn ich liebe die Liebe. Menschliche Bindungen finde ich sehr spannend und ich möchte gerne Menschen dabei begleiten, den für Sie richtigen Weg zu finden und sich weiterzuentwickeln. Im Rahmen der Paartherapie kann das der Weg zurück zueinander sein; erfolgreiche Paartherapie kann aber manchmal auch eine Trennung bedeuten.

Kannst Du ein paar Sätze zum Thema Hochsensibilität sagen?

Das Thema ist etwa seit den 90er Jahren bekannt und bekommt zunehmend Aufmerksamkeit. Es wird davon ausgegangen, dass ca. 15-20% der Bevölkerung davon betroffen sind. Interessanterweise betrifft das Thema übrigens auch Tiere!

Im Grunde kommt jeder Mensch sensibel, d.h. empfindsam auf die Welt. Grundsätzlich ist das ja eigentlich etwas Positives. Bei hochsensiblen Menschen geht es darum, dass ihre Reizschwelle niedriger ist als bei anderen. In einer reizüberfluteten Welt, in der wir heute leben, kann das zu einem Problem werden.

Es ist inzwischen teilweise nachgewiesen, dass bei hochsensiblen Menschen deutlich höhere Gehirnaktivitäten bei der Reizverarbeitung stattfinden, zum Beispiel was Detailwahrnehmung angeht. Aus diesem Grunde kann es (muss aber nicht!) auch zu psychischen Problemen kommen, denn die Reizverarbeitung dauert einfach länger bzw. kostet mehr Energie. Um so wichtiger ist es, dass die Betroffenen auf diesen Umstand Rücksicht nehmen und dadurch der Verarbeitung Raum und Zeit geben.

Ein bei den Beratungssuchenden typischer Aspekt der Hochsensibilität ist die schwierige Abgrenzung von anderen. Das kann sowohl emotional sein als auch die Reizüberflutung bei Menschenmassen oder Geräuschen sein. Weiterhin fällt häufig die Fokussierung schwer, wenn viel los ist. Hochsensible Menschen sind zudem häufig sehr empathisch, haben ein hohes Verantwortungsgefühl und überschreiten nicht selten die eigenen Grenzen. Das ist aber kein zwangsläufiges Kriterium für HS.

Aber gleichzeitig hat dieser Feinsinn auch etwas Positives, denn die Wahrnehmung für Natur und Kunst ist beispielsweise sehr ausgeprägt und mitunter emotional.

Sofern man unter seiner Hochsensiblität leidet, besteht die Möglichkeit der Therapie oder auch der Teilnahme an einer Selbsthilfegruppe, die Du vor rund einem Jahr gegründet hast. Kannst Du sowohl zum Thema Therapie als auch Selbsthilfegruppe etwas sagen.

Grundsätzlich möchte ich Hochsensibilität nicht automatisch als krankmachenden Aspekt verstanden wissen. Jeder Mensch wird sensibel und fühlend geboren. Hochsensibilität ist keine Krankheitsdiagnose. Letztlich ist eine hohe Sensibilität eine besondere Ausprägung der Persönlichkeit und spiegelt die Vielfältigkeit der Menschen wider. Nicht jeder leidet darunter. Wer in seinem Leben die Erfahrung gemacht hat, dass er mit all seinen Eigenschaften so in Ordnung ist, kann sich seinen eigenen Rahmen stecken und damit umgehen.

Menschen, die zu mir kommen, haben das häufig nicht erfahren. Stattdessen wurden sie als überempfindlich abgestempelt. In der Folge wurde versucht, all diese Emotionen wegzudrücken, was natürlich auch einen inneren Druck verursacht. Es besteht nicht selten das Gefühl, so falsch zu sein wie man ist. Hat man im Leben ständig solche Erfahrungen gemacht, fällt es irgendwann schwer, seinen Bedürfnissen noch Ausdruck zu verleihen. Da spielt das Thema Scham eine sehr große Rolle.

In der Therapie arbeiten wir daran, eine innere Stabilität herzustellen und eine Akzeptanz für sich selbst zu entwickeln. Dazu gehört, am eigenen inneren Kritiker zu arbeiten, aber auch körpertherapeutisch anzusetzen. Das heißt beispielsweise Entspannungsübungen zu erlernen, um dem dauergestressten Kopf und Körper eine Pause zu ermöglichen.

In der Selbsthilfegruppe habe ich lediglich eine moderierende Funktion. Hier geht es viel um konkrete Alltagstipps. Wie organisiere in meinen Tag, um den Stress rauszunehmen? Welche Aspekte verursachen Stress? Wie kann ich mich von einem Umfeld abgrenzen und mir die Zeit nehmen, die ich zur Verarbeitung brauche?

Die Treffen finden monatlich statt (genaue Termine sind auf der Homepage ersichtlich) und dauern jeweils rund anderthalb Stunden. Die Altersspanne geht von 18 – fast 70 Jahre. Beim letzten Treffen haben sich wieder 25 Menschen zusammengefunden, worüber ich mich sehr freue. Es kommen auch immer wieder neue Leute dazu; das Thema ist wirklich relevant.

Hochsensibilität Mainz Vanessa Jilg

Jetzt noch ein paar persönliche Fragen. Seit wann lebst Du in Mainz?

Ich lebe seit 2008 in Mainz. Ich habe in Wiesbaden studiert, aber dort war es mir immer zu laut und voll. Daher stand schnell fest, dass meine Wahlheimat Mainz werden soll.

Was gefällt Dir an Mainz besonders, was magst Du nicht so sehr?

Ich liebe die Mainzer Altstadt und die Oberstadt. Ich mag den Wochenmarkt, den mittelalterlichen Stadtkern und die Grünflächen in der Stadt. Außerdem finde ich, dass die Mainzer ein sehr herzliches Volk sind, mit dem man schnell in Kontakt kommt.

Aber auch die Orte rund um Mainz mit ihrer tollen Lage, wie zum Beispiel Oppenheim oder Nierstein, mag ich sehr.

Manchmal ist mir Mainz aber tatsächlich auch zu voll. Ich komme aus Saarbrücken, da geht es nochmal ruhiger zu. Außerdem würde ich mir an manchen Stellen noch mehr kulturelles Angebot wünschen, aber das hängt ja auch immer mit den persönlichen Vorlieben zusammen.

Liebe Vanessa, ich danke Dir für das wahnsinnig interessante und lehrreiche Interview. Alles Liebe für Deinen Weg!

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