Von Angst, Hilflosigkeit und Sandkörnern Hoffnung

Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber der bestimmende Gedanke in meinem Kopf ist aktuell: wie soll es bloß weitergehen?

Wie immer bei solch pesönlichen Artikeln, habe ich lange damit gehadert, ob ich ihn veröffentlichen soll. Ich habe ihn ca. 200 Mal gelesen und gezweifelt. Doch wenn ihr die Zeilen lest, hab ich wohl auf „veröffentlichen“ gedrückt. Die Angst angreifbar zu sein ist immer wieder groß. Und gleichzeitig habe ich das Gefühl – in meiner eigenen Hilflosigkeit – dieses Medium nutzen zu müssen, um irgendeinen Unterschied in dieser Welt zu machen. Und sei es nur ein Sandkorn.

Ich habe immer wieder Angst, wohin uns diese Welt führen wird. Nach den unfassbaren Ereignissen vom Wochenende in Paris, habe ich manchmal Angst davor, dass alles kippt. Diese Spirale aus Gewalt auf allen Seiten nimmt immer weiter Fahrt auf. Denn so furchtbar und verurteilenswert diese Attentate sind, so muss ja auch klar sein, dass sie unter anderem Reaktionen sind. Mitnichten soll das irgendeine Rechtfertigung sein, um völlig unschuldige Menschen zu töten. Aber trotzdem darf man auch die Handlungen Europas und der USA in der Welt nicht aus dem Blick verlieren. Die Frage nach dem Start aller Probleme und der zunehmenden Eskalation ist wahrscheinlich kaum zu klären und bringt einem zudem zum Henne – Ei – Problem.

Die maßgebliche Frage ist doch nun, wie solche Spiralen zu durchbrechen sind! Wie soll es denn weitergehen? Ich beneide wirklich keinen Politiker, der hier eine Lösung finden soll. Denn die Frage ist, wie diese aussehen soll? Bomben wir uns einfach gegenseitig so lange weg, bis gar nichts mehr geht? Gibt irgendwer auf? Führen Verhandlungen eines Tages zu irgendwas? Ich sehe da einfach nichts.

Und während all diese unfassbar großen und existentiellen Fragen im Raum stehen, lebt jeder in seiner eigenen kleinen Welt so vor sich hin. Betrifft mich ja nicht. Ich gehe auf Konferenzen, Spielplätze, Partys etc. Und während sich alles so unglaublich falsch anfühlt, was würde es mehr bringen als einen symbolischen Wert, darauf zu verzichten? Denn irgendwer muss auch mehr tun, als nur Symbolik!

Und schon kommen wir auf die Frage zurück: Welchen Unterschied kann ich, ganz persönlich, machen? Diese Frage macht mich verrückt, denn ich habe keine Antwort!

Gleichzeitig schwingt diese latente Angst mit, dass in Deutschland die Stimmung kippt, was den Umgang mit den Flüchtlingen in unserem Land angeht. Ich lese nun wieder Kommentare wie: „Jetzt macht doch endlich die Grenzen dicht!“.

Als wären diese Menschen, die auf Booten oder zu Fuß mit einem Rucksack nach Europa kommen, diejenigen die hier Anschläge verüben. Als hätten diese Menschen das Maschinengewehr in ihrem Rucksack transportiert! Als wären das nicht eben die Menschen, die EXAKT vor diesem Terror fliehen!!!

Nein, die Attentäter haben mitunter sogar die entsprechende (französische, belgische oder was auch immer) Staatsangehörigkeit und könnten bei noch so abgeriegelten Grenzen trotzdem in „ihr“ Land!

Trotzdem befürchte ich, dass diese Stimmen lauter werden. Denn diese Stimmen zünden vielleicht keine Heime an, aber sie ändern die Stimmung und bieten die Grundlage für Dinge, die ich mir kaum vorstellen möchte. In Nazi-Deutschland haben auch nicht alle im KZ gearbeitet und haben doch ihren Anteil daran.

Meine einzige Möglichkeit dem allen entgegenzuwirken ist, hier in Mainz konkret meine Hilfe anzubieten und hier mit meinem kleine Blog durch eine klare Meinungsäußerung Stellung zu beziehen. Keine Ahnung, ob meine Geld- und Sachspenden, meine Hilfe beim Sortieren und Ausgeben von Kleidung wirklich irgendwas ändert. Aber es nicht zu tun, verbietet mir mein Gewissen. Und nach den Ereignissen vom Wochenende ist dieser Drang stärker denn je. Denn die meisten von ihnen suchen hier Schutz vor eben diesem Terror. Und wie wahnsinnig wäre es, eben diese Menschen auch noch dafür in die Verantwortung zu ziehen.

Ich kann die Ängste mancher Menschen ja durchaus verstehen. Und auch ich mache mir Gedanken, wie zukünftig die Integration so vieler Menschen gelingen kann. Aber das ändert doch nichts daran, dass es unsere Pflicht ist, uns alle gegenseitig vor radikalen Idioten zu beschützen! Dass da irgendein minimaler Prozentsatz dabei ist, der ggfs. gar nicht beschützt werden muss, ändert für mich nichts an der oben angesprochenen Tatsache. Und mein (natürlich nicht repräsentativer) Kontakt zu Menschen, vor allem aus Syrien und Afghanistan, war ausschließlich positiv. Familien, Paare, Einzelpersonen, die auf mich hilfsbereit, demütig und auch verunsichert wirkten. Mehr und auch nicht weniger konnte ich da erkennen.

Ich wünsche mir so sehr, dass diese Welt irgendwann ihr Gleichgewicht findet. Sicher, jede Generation hatte ihren Krieg. Und doch habe ich manchmal Angst davor, in welche Welt meine Tochter da hineinwächst. Ich bin momentan froh, ihr noch nichts erklären zu müssen. Denn außer Trauer, Wut und Angst habe ich wenig zu vermitteln.

Was kann ich bloß tun, um diese Welt an irgendeiner Stelle zu entlasten oder besser zu machen? Ich weiß es nicht. Nicht wegschauen. Das tun, was in meiner Kraft steht. Auch wenn es manchmal so sinnlos erscheint. Mein eigenes kleines Universum ist geprägt von so viel Glück und Freude. Genau das ist es, was ich so gerne weitertragen möchte. Auch wenn ich in meiner Hilflosigkeit manchmal nicht weiß wie.

In einem sehr inspirierenden Gespräch sagte mal jemand zu mir, dass man nicht den Anspruch haben sollte, die Welt zu retten. Denn daran wird man scheitern und wahrscheinlich in Tatenlosigkeit verfallen. Gutes tun in dem Rahmen, der einem zur Verfügung steht. Denn verbreite ich Freude und Hoffnung, dann werden es diese Menschen wiederum weitertragen. Und irgendwann sind wir viele. Geschrieben klingt es vielleicht ein wenig naiv. Doch wenn ich die Wahl habe, motzend und tatenlos zu Hause zu sitzen oder wenigstens ein bißchen Hoffnung und Hilfe anzubieten, dann entscheide ich mich doch für zweiteres.

Ein schöner Strand besteht eben aus vielen Sandkörnern. Und ich wünsche mir sehr, dass wir auch viele bleiben…

Einen sehr bewegenden Text, könnt ihr auf Lucie Marshall lesen. Eine Frau, die Flüchtlingsjungen aufgenommen hat und darüber berichtet, wie eben diese die vergangenen Tage erlebt haben. Genau so sollte unsere Welt funktionieren!

3 thoughts on “Von Angst, Hilflosigkeit und Sandkörnern Hoffnung

  1. Du sprichst mir aus der Seele. Auch ich stelle mir die Frage „wie soll das alles weitergehen und wo soll es hinführen?“.
    Ich verstehe ja nicht mal richtig ,wer sich überhaupt und warum genau bekämpft… und warum Attentäter sich dazu entscheiden, andere Menschen – und manchmal auch bewusst sich selbst – umzubringen. Ich kann darin keinen Sinn erkennen und doch gibt es viele – zu viele – die meinen dadurch etwas zu erreichen. Nur was? Ausser Hass und Angst? Es scheint mir, dass es fast keine Verhandlungsbasis gibt… die Politiker, die das jetzt richten sollen, wissen die wirklich so viel mehr? Irgendwie sind doch alle hilflos… und man weiss ja nicht mal genau, was ISIS überhaupt will (und wenn es tatsächlich das Ziel ist, die vor allem westliche Welt und ihre Werte zu vernichten, wie soll man da etwas vermitteln, ausser mit Kriegswaffen?)
    Das Ganze macht ganz schön Angst. Das mit dem „leben und leben lassen“ scheint da keine Option zu sein.

    Ich finde es gut, dass du den Mund aufmachst und was tun willst…. Schweigen und Nichtstun bringt auch niemanden weiter, im Gegenteil, gibt denen, die die Klappe jetzt groß aufreißen nur noch mehr Gewicht.

  2. Du schreibst mir aus der Seele, nur kann ich meine Hilflosigkeit und Fassungslosigkeit nicht so gut in Worte fassen, weil sie mir grad sowas von fehlen.
    Doch wie war das mit dem Butterfly-Effekt? So kann auch schon ein Sandkorn was bewirken. Denn für die betroffene hilflose Person macht es sehr wohl einen Unterschied, ob Du etwas tust oder tatenlos zusiehst. Auch wenn es nur ein bisschen ist.
    Und mir hat es was zurückgegeben, menschlich zu sein und einem kleinen Flüchtlingsjungen Kleidung von meinem gleichaltrigen Sohn zu schenken (und anderes, was benötigt wurde und bei uns keinen Nutzen mehr hatte). Zu wissen, ok, der muss im kommenden Winter nicht frieren. Und auch viele hier bei uns im Ort tragen ihren Teil bei, dass „unsren“ Flüchtlingen geholfen wird zu _über_leben.
    Ja, die Welt können wir „Sandkörner“ nicht retten, aber Einzelne schon. Fangen wir vor unserer Haustür an und sind anderen ein gutes Beispiel.
    Gut geschrieben! Danke!
    Lg Mel

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